Sagen - Die Berchtl

Eine Gruppe von Berchtln, stehend vor dem Galtenberg

1] Die Berchtl

2] Die Berchtl

3] Die Berchtl

4] Die Berchtl

Am Gömachtabend war es vorhin der Brauch, von allen Gerichten des Nachtmahls einen Löffel voll dem Feuer zu geben. In manchem Hause ließ man auch das Übergebliebene auf dem Tische stehen für die Berchtl und ihre Kinder. Wenn alles schlafen war, kam sie dann und aß. Da wollte sie einmal einer belauschen und legte sich unter den großen Backtrog hinein, der unter der Bank stand, und guckte durch eine Spalte heraus. Die Berchtl kam wirklich. Sie war ein meeraltes Weiblein mit zerrütteten Haaren und trug ein so zerlumptes Gewand, daß zehn Katzen nicht im Stande gewesen wären, darin eine Maus zu fangen. Es waren auch viele Kinder bei ihr, Buben und Dirnlein, die hatten auch gerade so zaunzerrissene Kleider an. Da sagte die Alte zum Jüngsten: "Geh hin und verstreich dort die Spalte, wo der Wunderwitz außergafft." Das Kind gieng zum Backtrog hin, fuhr mit dem Finger über die Spalte und der Mensch d'rin war augenblicklich stockblind. Das hatte er zum Lohn für die Neugierde, daß er Gespenster anschauen wollte, und niemand konnte ihm helfen. Auf den Rat eines erfahr'nen Mannes setzte er sich am nächsten Gömachtsabend wieder in den Backtrog und klagte darin seine Not. Da kam wieder die Berchtl mit ihren Kindern, kostete von den Speisen auf dem Tisch, und bevor sie gieng, sagte sie zum gleichen Buben: "Geh zum Trog und thu' die Spalte wieder auf." Das Kind gieng hin, blies durch die Ritze und der Blinde war wieder sehend, wie früher. (Mitgeteilt von Peter Moser.)

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 29, Seite 17