Sagen - Die Erzhüter

Alpbach - Blick auf den Ort

In Alpbach lauft ein paar Schuß weit inner der Kirche von Thierberg zur Talsohle ein Tälchen, das „Heißenthal“ heißt. Da sah einmal ein Holzhacker ein wunderliches Schauspiel. Durch dasselbe kam eine Schaar Männer, die rießengroß und geharnischt waren. Stumm schritten sie an ihm vorüber. Er fragte mutig den letzten vom Zug, wer sie denn wären und wohin jetzt ihr Weg sie führe. Der Angeredete gab den Bescheid, sie hätten bisher in Thierberg oben Erz gehütet; weil nun dieses zu Ende gehe, müßten sie in die „reifen Felder“ übersiedeln, daselbst die verborgenen Metalle zu schützen. Darauf gieng es vorwärts an die genannte Berglehne, welche das Alpbachtal
gegen das Zillertal abschließt. Diese Erzhüter haben gar strenge gewacht, denn es konnte in den reichen Feldern nie ein haltbarer Erzgang aufgefunden werden, obwohl sich durch oberflächliche Spuren schon mancher zu Nachforschungen verleiten ließ.

Quelle: Sagen aus Tirol, Gesammelt und herausgegeben von Ignaz V. Zingerle, Innsbruck 1891, Nr. 608, Seite 343

Die Erzhüter vom Thierberg

Zwischen dem Alpbach- und Wildschönauer Tal erhebt sich der ehemals erzreiche Thierberg (nicht zu verwechseln mit dem Schloß und der Gemeinde Thierberg bei Kufstein), von dem man weit hinab ins Untere Inntal und in die bayerischen Ebenen, bis hinauf nach Innsbruck blickt und der berühmt ist durch seinen vormaligen Silberreichtum - hier lebt auch die Schatz- und Erzhütersage, wie auf so vielen Höhen Tirols.

Im Alpbach läuft einige Büchsenschüsse weit, unterhalb der Kirche von Thierberg, ein Tälchen, das sich zur Sohle des Alpbachtales herabsenkt und wegen seiner sonnigen Lage das Heißental genannt wird. Dort war einmal ein Holzhauer beschäftigt, der sah plötzlich eine Schar Männer das Tälchen herabschreiten, die waren alle von riesiger Größe und trugen schwarze Harnische. Ihre Mienen waren kalt und ernst, und sie wandelten lautlos vorüber. Der Holzhacker war aber keiner von den Furchthasen, wie es deren viele gibt, denen beim Wehen eines Lüftleins das Herz im Leibe zittert, und so fragte er ganz beherzt den letzten dieser Männer, wer sie seien und
wohin ihr Weg sie führe. Darauf sprach der Gefragte mit hohler Stimme: Das Erz im Thierberg haben wir gehütet; Erz ging zu Ende,  wollen nun wandern, der reichen Felder felsenverschlossene Schätze zu schirmen!

Sprach's und folgte seinen Gefährten, und der Holzhauer stand und blickte ihnen mit offenem Maul stumm und staunend nach.

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 50